Wohnen: Altbau war schöner

Neue Wohngebiete in Deutschland haben eines gemeinsam:
Sie sehen irgendwie alle gleich aus.

Phantasielose Neubauten

Jeder, der durch seine oder eine beliebige andere Stadt bummelt, bemerkt es:
Dort wo Wohn-Neubauten entstehen, herrscht eine seltsame Gleichheit des Stils an sich, die sich weder mit „demokratischer Einheitsbauweise“ noch mit irgendeinem anderen Wort als „Zweckbau“ beschreiben lässt.

Und tatsächlich findest man an jedem Wohnprojekt Tafeln mit großen Worten wie „attraktive Quartiere“ und „innovative Konzepte“, egal ob es sich um die millionste Einheits-Eigenheim-Siedlung oder ganze Wohnblöcke dreht.

Selbst dort, wo Architekten womöglich etwas mehr Geld und Phantasie zum Bauen benutzen dürfen, findet man oft nur dasselbe einerlei:
Wer schon mal rund um Berlins Hauptbahnhof spazieren war, weiß was ich meine, wenn man die vielen gesichtslosen, zusammengewürfelten Neubauten ohne auch die minimalste gemeinsame Stilkomponente betrachtet.

In ganz Deutschland versprechen Stadtplaner bei Neubauprojekten „attraktive Quartiere“ und „innovative Konzepte“ – und ebenso einförmig wie die Werbesprüche sind die Ergebnisse. Viele Neubaugebiete gleichen einander so sehr, dass Besucher nur an den Nummernschildern der geparkten Autos erkennen können, ob sie sich in Bayern befinden oder Schleswig-Holstein.

Warum Neubaugebiete in Deutschland überall gleich aussehen, stern.de

Wo ist der regionale Stil hin?

Ein richtig krasses Beispiel dafür findet sich z.B. in Hamburg:
Die einheitlichen Gebäude der alten Speicherstadt liegen direkt neben der Hafen-City, einem Viertel voller einzelner, unabgestimmter Gebäude, die nur teuer aber nicht wirklich hübsch sind.

Überall wo wir zu Touristen werden und fremde Städte besuchen, berichten wir hinterher begeistert von pittoresken Altstädten mit Fachwerk, Ziegeldächern und engen Gassen.

Sicht auf den Nyhavn in Kopenhagen
Kopenhagen, August 2019, Nyhavn, Foto: Peter Wendel, CC-BY-SA 4.0

Noch nie habe ich jemanden in gleicher Inbrunst von einem der neuen Wohnprojekte schwärmen gehört.
Leben, also echtes, existiert ohnehin in den wenigsten davon.

Wo sind die regionalen Stile hin? Warum baut niemand mehr schön?

Gewinnmaximierte Architektur

Im Aussehen der meisten Wohnblöcke der Stadt gehen heutzutage der Hang zu einem minimalistischen Stil bei Architekten und die auf Investoren basierende Finanzierung der Häuser eine unheilvolle Allianz ein:
Das ganze soll Geld bringen.

Wenn Sie quaderartige Schachteln mit geraden Wänden und Flachdach haben, optimieren Sie die Fläche, Sie haben immer ein paar Quadratmeter mehr Wohnfläche als mit Schrägdach.

Sebastian Körber (FDP), Architekt, Vorsitzender des Bauausschusses im Bayerischen Landtag

Natürlich: Grundstückspreise und Baukosten sind gestiegen.
Wenn man also mit „gepumpten“ Geld Häuser baut und Kredite und/oder Gewinnerwartungen von Fond-Besitzern schnell realisieren muss, dann muss der Bau so billig wie möglich ausfallen und goldene Türklinken werden dann als „Luxusausstattung“ angepriesen, das ewig gleiche Fliesenmodell im Bad ist dann „gehobene Ausstattung“.

Auch früher haben Bauherren schon durchaus aufs Geld gesehen, wenn sie gebaut haben, was eben zu regionalen Stilen führte in denen z.B. überall rumliegender Schiefer oder andernorts Schilf benutzt wurde um die Dächer zu decken.

Ein wesentlicher Unterschied war aber, dass Häuser eben nur von Leuten errichtet wurden, die zu ihrer Zeit auch im wesentlichen über das Vermögen darüber verfügten und vor allem zunächst einen Wert an sich darstellten.
Quasi eine Art von Sparbuch in Gebäudeform.

Dazu kam, das Bauen auch Prestige bedeutete, wer das größte und schönste Kontor der Stadt hatte, war auch der angesehenste Kaufmann und für die eigene Behausung gönnte man sich eben auch Schönheit.

Das änderte sich in den Zeiten der Industrialisierung, als der Bau von Wohnhäusern in der Stadt eben auch zu „Mietskasernen“ führte und damit in gerader Linie zu den heute üblichen Klötzen.

Große Flächen

Ein Punkt dabei ist sicherlich auch die nach dem ersten Weltkrieg üblich gewordene Methode nicht nur einzelne Grundstücke zum Bauen auszuschreiben, sondern große Flächen (Quartiere) ohne dabei auch gewisse städtebauliche Ansprüche durchzusetzen, sofern das Gebäude nicht in einem denkmalgeschützten Ensemble entsteht.

Niemand baut eben einen teuren Springbrunnen und einen Park in die Mitte der teuren Fläche, wenn es nicht gestalterisch vorgegeben oder erzwungen wird.

Ceciliengärten, Berlin-Schöneberg, erbaut 1922-1927 , Foto: Peter Wendel, CC-BY-SA 4.0

Wünsche bleiben unerfüllt

Ob Wohnhaus, Einfamilienhaus, Auto, Kleidung, Webseiten oder Smartphones:
Überall ist das „Von-Der-Stange“-Prinzip erkennbar, auch wenn es uns unterschiedlich begründet aufgedrängt wird.
Wir sollen konsumieren und Gewinn bringen und nicht mit extravaganten Wünschen kommen und die Fließbandproduktion stören.

Autos in Standard-Farben, sofort verfügbar.

Weiße Lieferwagen, Dienstwagen in silber und schwarz, PKWs in wenigen Farbvariationen. Wir kennen das alle, da brauchen wir nur aus dem Fenster sehen!

Selbst bei teuren Konsumgütern hat es sich eingebürgert, dem Kunden seine Träume zu Gunsten eines schnell verkaufbaren Standards auszureden.

Da werden oft Kredite in beliebigen Vielfachen von 10000 € aufgenommen um ein Auto zu finanzieren und man lässt sich für 1000 € weniger und die Zulassung morgen den Traum vom Auto in Lila für ein silbernes ausreden!

Auch die Tastaturen am Smartphone sind nicht in erste Linie verschwunden, weil Bildschirmtastaturen besser funktionieren, sondern vor allem, weil sie teurer sind und das Smartphone so weniger Gewinn abwirft.

Standard bedeutet nicht nachhaltig

Ob Wohnblock oder Smartphone:
Produkte mit Standard-Design sind zumeist auch nicht nachhaltig.

Wenn ich einmal etwa gekauft habe, dass meinen Erwartungen in Gänze entspricht, behalte, benutze und repariere ich diese Dinge auch viel länger als etwas, was letztlich jeder um mich herum in derselben Ausführung benutzt.

Das ist bei Wohnhäusern die alleine der gewinnbringenden Geldanlage dienen genauso: Sie sind langweilig und solange die Wohnung darin nicht auch Eigentum des darin lebenden Menschen ist, entwickeln die Bewohner da auch wenig Bezug zu der Immobilie und ihrer Umgebung an sich.

Mietwohnungen sind so knapp, dass man in ihnen oft wohnt, weil sie den zum Augenblick des Bedarfs besten Kompromiss zwischen Wunsch und Wirtschaftlichkeit darstellen, nicht aber die Wünsche des Mieters reflektieren.

„Das ist meine Traumwohnung“, sagen nur Menschen die aus dieser Situation heraus in Ruhe, und oft auch mit erhöhtem Geld-Einsatz, Zeit hatten, sich ihre Immobilie zu suchen/zu bauen.

Quellen:

TheFan1968

Datenbank- und Web-Fuzzi, Radfahrer,Sportfan

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