Eine gesetzlich geförderte Körperverletzung

Das muss man sich mal genau auf der Zunge zergehen lassen: Das Stickoxide und Feinstaub sich schlecht auf die Gesundheit von Menschen auswirken ist eine Tatsache, die nicht mal von jemandem bestritten wird.
Ebenso wenig ist es strittig, das die Autohersteller ihre Kunden und den Staat jahrelang mit Vorsatz betrogen haben, in dem sie mit manipulierter Software bessere Umwelt- und Verbrauchswerte vor zu gaukeln.

Die Folgen davon?

Wir müssen es weiterhin ertragen, dass uns diese Autos in den Städten weiterhin systematisch vergiften.
Wir, die Steuerzahler, sollen genötigt werden, Prämien für Leute zu bezahlen, damit sie sich ein neues Auto von denselben Betrügern kaufen können.
Wir sollen ertragen, dass alle möglichen Menschen eine Ausnahmegenehmigung für ihre Dreckschleuder bekommen.

Körperverletzung legal

Wenn ich meinen Nachbarn beständig Feinstaub und Stickoxide auf den Balkon puste, bin ich ziemlich sicher, dass man mich bald wegen Körperverletzung o.ä. belangen wird.
Wenn ich dass mache, in dem ich mit einem Diesel dauernd um meinen Nachbarn herumfahre, erwarten mich vermutlich 20€ Bußgeld für unnützes Hin- und Herfahren in einer geschlossenen Ortschaft. Die Abgase des Autos sind zwar genauso schädlich, aber völlig legal. Keine Körperverletzung.
Das ist Deutschland im Jahre 2018.

Die Täter bestrafen? Nein!

Wieso also gibt es überhaupt eine Diskussion um “Hardware-Nachrüstung”, “Entschädigung”, “Strafe”?
Die Konzerne haben betrogen, dass im großen Stil, also warum sollen sie nicht die Folgen tragen?
Man kann offenbar in Deutschland mit 100 000 Autos Betrug begehen ohne eine Strafe fürchten zu müssen, aber wenn der Barmann seinen Whisky streckt ist der Laden sofort dicht?

Da wird immer wieder etwas von Arbeitsplätzen erzählt und der “Wirtschaft” und man verschweigt uns dabei gerne, dass viele der Tarifverträge, die man schon gefühlte 300 Mal zur “Rettung der Arbeitsplätze” akzeptiert hat, bereits unter dem Niveau liegen, welches sie eigentlich haben sollten, und dennoch gehen beständig Arbeitsplätze verloren.

Auf der anderen Seite entstehen seit Jahren hunderttausende Arbeitsplätze bei Herstellern und Dienstleistern von erneuerbaren Energien, Fahrradherstellern  (mit und ohne E-Unterstützung) und Auto-Zulieferer wie z.B. Bosch haben schon längst das lukrative Geschäft auf dieser Seite der Medaille für sich entdeckt.

Hier gibt es beinahe täglich neue, innovative Ideen während man, glaubt man den Aussagen der Konzerne, Autos nur wie vor einhundert Jahren herstellen kann, weil dass ja viel billiger ist, als sich mal was neues einfallen lassen zu müssen.
Die innovative Kraft ist aus der Automobilindustrie schon lange entwichen. Jedes Berliner Hinterhof-StartUp hat mehr innovative Kraft als unsere Autokonzerne, die nur noch auf Macht- und Umsatzerhalt aus sind und sobald irgendwo die Löhne wieder billiger sind, werden auch die letzten Arbeitsplätze hier ohne Zögern vernichtet.

Der Staat dient der Industrie

Der Staat macht sich zum Vasallen der Großindustrie, die gefühlt schon alle zu bezahlen scheint. Die doofen Bürger können das ja bezahlen.
Dafür lenkt man uns dann gerne mit Schlagwort-Diskussionen über “Terror”, “Flüchtlinge” und “Islamismus” ab, um zu verstecken, dass es den Regierungen völlig schnuppe ist, ob sich noch irgendjemand die Mieten in einer Stadt leisten, von seiner Rente oder auch nur von seinem Job leben kann.

Baum trotzt Beton
Utopie? Autofreie Innenstadt, Foto: Peter Wendel

Auch in Berlin, der Stadt mit dem ersten Mobilitätsgesetz überhaupt, buckelt man vor der Autolobby, anstatt die Kraft zu nutzen die dem Beschluss inne wohnt:
Der Umbau der Stadt schafft und sichert zuerst Arbeitsplätze bei den Firmen die den Bau von Radverkehrsanlagen, den Umbau von Straßen allgemein handwerklich betreiben und fördert im Anschluss den Handel und den Tourismus, weil (Achtung Utopie!) die autofreie, ruhige. lebenswerte, grüne Innenstadt von Berlin von allen als megasexy empfunden wird.

Das Radfahrer und Fußgänger dem lokalen Handel gut tun, weil sie mehr einzelne Geschäfte besuchen und häufiger einkaufen als Autofahrer, ist ja schon lange erwiesen.
Der moderne Autofahrer fährt auf den großen Parkplatz des Einkaufscenter XY, in dem es ohnehin quasi keine lokalen Geschäfte gibt, weil es in jedem Einkaufscenter weitestgehend dieselben Ladenketten gibt.

Kurzum: Auch Berlin ignoriert schlicht die runde Hälfte seine Haushalte, die gar kein Auto besitzen und redet jenen nach dem Mund, die jeden Morgen Brandenburg entvölkern um in der Stadt zu arbeiten.
Der Witz ist ja, das viele davon ins Umland gezogen sind, weil man ja “bei dem Verkehr in der Stadt keine Ruhe findet und die Kinder nicht auf die Straße lassen kann”.
Sie sind nun das Problem und nicht die Lösung.

Problem: Ungebremster Individualverkehr

Die Hälfte die kein Auto hat, weil sie es sich vielleicht nicht leisten können oder aber auch immer öfter schlicht es nicht leisten wollen wird ignoriert.
Jeden Tag kann man auf Twitter verfolgen, wie Buslinien wegen Staus ganz oder teilweise vorübergehend eingestellt werden und die Leute schlicht am Straßenrand stehen gelassen werden, weil der Individualverkehr die Straße verstopft.

Das zusätzlich die Kontrolle des Straßenverkehrs und ALLER seiner Teilnehmer geradezu eine Null-Priorität ist, führt auch hier zu staatlich sanktionierter Körperverletzung, die in den Nachrichten meist von den Worten “.. hat übersehen..” und “..trug keinen Helm..” begleitet wird.

Wo ist der Schutz des Staates für alle Bürger ohne Auto?
Warum gibt es keine Prämien dafür, kein Auto zu besitzen?
Wann kümmern sich die Regierungen mal um die Interessen der Bürger?

Und damit gar keine Missverständnisse entstehen: Ich wähle Links.
Ich werde niemals Fremden die Schuld für mein persönliches Versagen und das der Politiker in diesem Land geben.
Hartz IV ist die Idee deutscher Neoliberalisten und nicht die von Migranten.

TheFan1968

Datenbank- und Web-Fuzzi, Radfahrer, Eishockeyfan

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