Pedelec: Warum fährt man eins?

Das Verhältnis von Pedelec-Fahrern zu solchen die keins fahren ist, freundlich gesprochen, gespalten.
Von letzteren erfährt man leider nicht nur Liebe.
Doch warum fährt man ein Pedelec?
Ein subjektiver Blick aus meiner Perspektive.

Ich

Ü50. Seit rund 43 Jahren in der Lage Fahrrad zu fahren. Kein Auto seit ca. 30 Jahren.
21 Jahre lang Handwerker mit wechselnden Baustellen, danach Umschulung zum Fachinformatiker und nun ewig denselben Arbeitsweg.
Geboren in Berlin-Wilmersdorf. Lebt jetzt in Berlin-Pankow. Fährt Pedelec .

Schwerbehindert wegen verschiedener chronischer Krankheiten (z.B. Diabetes Typ I) , einer Knie-Arthrose und einem Arterienverschluss (Diabetes-Folge) im linken Oberschenkel.
Bis auf letzteres hat nichts davon einen wesentlichen Einfluss auf das Radfahren.

Das Pedelec

Kalkhoff 5B Belt. Kaufjahr 2019.
Bosch-Mittelmotor, Riemenantrieb, Nabenschaltung, Scheibenbremsen, Schutzbleche und Gepäckträger.

Angepasst mit Plattform-Pedalen und CaneCreek-Stattelstütze, SQLab-Sattel und Kork-Handgriffen.

Warum Radfahren/Pedelec?

Mit dem Rad bin ich schon seit meiner Kindheit in der Stadt unterwegs. Vom damaligen Wohnort meiner Eltern in Steglitz war ich häufig alleine und mit Freunden unterwegs bis hin zur Glienicker Brücke oder etwa der Philharmonie und dem Wannsee.
Alleine hieß damals auch alleine, also ohne Begleitung meiner Eltern o.ä. und zumeist ohne Radweg auf der Straße.

Für mich schon immer die Möglichkeit der Mobilität ohne zusätzliche Kosten.

Natürlich bin ich auch oft Bus- und Bahn gefahren, dass Fahrrad blieb aber Zeit Lebens immer die Alternative, mal mehr, mal weniger häufig genutzt.
Ich habe sogar einen Führerschein gemacht und habe eine Weile ein Auto besessen.

Letzteres braucht man aber irgendwie nicht in der Stadt und als das Auto Schrott war, habe ich mir, auch mangels verfügbarem Geldes, kein neues mehr gekauft.

Fortan bin ich eine weile überwiegend mit dem ÖPNV und der Bahn unterwegs gewesen als Handwerker auf wechselnden Baustellen und auf Montage.
Da man in dem Job im Winter häufig arbeitslos war, gab es Zeiten, in denen der Erwerb eines „vernünftigen“ Fahrrades eine Utopie blieb, ein Auto wäre also auch erst recht nicht drin gewesen. Flugreisen machten auch nur die anderen. Ich habe mir fast ein Jahrzehnt keine Urlaubsreise leisten können.

Als ich aufhörte auf Montage zu fahren und bei kleineren lokalen Firmen arbeitete, bot sich das Rad wieder als Fahrzeug an, denn die Strecken waren nicht mehr so weit und man war ja auch oft schneller unterwegs als mit dem ÖPNV.

Lange Rede kurzer Sinn:
Immer schon schwirrte das Fahrrad um mich herum, also wurde es auch immer eingesetzt.

Ich bin also ein Alltagsradler, der vor allem das Erreichen eines Zieles vor den Augen hat und nicht sinnlose Strava-Runden dreht um mit seiner Leistung Pimmellänge/Fitness zu erwerben.
Die Waschmaschine und Getränkekisten als Transportgüter, die Autofahrer so gerne als Entschuldigung für ihre Autoabhängigkeit nennen, waren von Anfang an also auch ein Argument für den Kauf eines Fahrrades, was letztlich viele der heutzutage vorhandenen Spielzeug-Geräte ausschließt.

Am Ende war es die Leistung der S-Bahn in Berlin, die zu dem Gedanken führte, dass ich meinen Arbeitsweg gerne in der Regel mit dem Rad zurücklegen möchte, denn deren „Störungen im Betriebsablauf“ kosteten mich recht viel Lebenszeit.
Bei einer Einzelstrecke von ca. 20 km (es gibt verschiedene nutzbare Routen zwischen 17,5 und 22 km), also ca. 40 km für beide Wege, war aber auch klar, dass es zum einen ein gutes Fahrrad bräuchte und ich es vielleicht auch nicht täglich so schaffe.

Letzteres sollte sich bewahrheiten, denn der linke Oberschenkel (s. oben „Ich“) spielt einerseits bei starken oder langen Anstiegen oder Dauerbelastung nicht immer so mit, wie man möchte. Von 5 Arbeitstagen schaffte ich im Normalfall meist nur 3 und saß dann wieder in der S-Bahn, weil der Oberschenkel schmerzte oder auch mal weil Mistwetter war. Alle Einkäufe erledigte ich aber inzwischen schon konsequent mit dem Rad und dem zwischenzeitlich erworbenen Anhänger, den ich noch heute nutze.

Derweil erfand die Industrie die E-Bikes, zuerst auch von ihrer Seite als „Mobilitätshilfe für SeniorInnen“ beworben.

Der Weg zum Pedelec

Zunächst hatte auch ich nur am Rande davon gehört und die ersten Modell waren auch echt nicht mit verkaufsförderndem Design versehen.
Ich kaufte erst einmal ein Kalkhoff Endeavour 8 mit Riemenantrieb, welches die Fahrleistung dank geringeren Gewichtes zwar nochmal etwas steigerte, aber dann eben auch wieder stagnierte. Ich brauchte noch immer dieses ÖPNV-Jahresabo.

Auf den Fahrradmessen, die ich währenddessen so besuchte, tauchten nun auch immer mehr Pedelecs auf, die bei ihrem Anblick nun nicht mehr auf einen baldigen Exitus hindeuteten, und ich fuhr sie zur Probe.
Zur der Zeit stand noch irgendwie im Raum, ob man sich nicht vielleicht doch eher ein Lastenrad zulegen sollte, aber mangels vernünftiger Unterstellmöglichkeiten zu Hause verwarf ich das.

Der Gedanke reifte, ein Pedelec zu kaufen. Ganz klar mit dem Vorsatz, dieses dann auch konsequent zu nutzen.
Auf der nächsten Messe fuhr ich den Modell-Vorgänger meines Pedelecs probe und hatte fortan diesen verklärten Blick und den Sabberfaden am Mundwinkel, der uns Radfahrern eigen ist, wenn es um n+1 geht…

Ich kaufte wenig später das Nachfolgemodell. Ich wollte es. Und es erlöste mich aus der S-Bahn-Falle.

Mobilität mit dem Pedelec

Das Pedelec ist jetzt mein „Auto“.
Ich fahre damit (fast) alle Strecken des Alltags. Das Abo für den ÖPNV wurde abgeschafft, weil es sich nicht mehr rechnete.

Der Arbeitsweg ist nun auch 5 Tage die Woche eine Fahrradstrecke, die Jahresleistung verdoppelte sich locker auf ca. 7500 km, also zumindest bis Corona mich in der ersten Hälfte 2021 vorübergehend ins HomeOffice brachte und nun nur noch 3 Präsenztage Pflicht sind.
ÖPNV-Fahrscheine benötige ich derzeit eigentlich nur noch, wenn ich zum Berliner Hauptbahnhof fahre um in den Fernzug zu steigen, was auch irgendwie paradox ist.

Das Pedelec bringt den neuen, unangestrengten Fahr-Rhythmus „Cruising“ auf die Strecke, den man auf unmotorisierten Fahrrädern in der Stadt eher selten erreicht. Keine „Angst“ vor dem Anfahren an roten Ampeln mehr. Gleiten durch die Straßen, anstatt auf jede Rille im Bodenbelag zu achten.

Gewicht, Entfernung, Gegenwind und Steigungen verlieren ihren „Schrecken“.

Geschwitzt wird aber trotzdem, mit diesem Mythos muss man durchaus mal aufräumen:
Im Eco-Modus unterstützt dich dein Pedelec mit gut 50% gegenüber dem „normalen“ Fahrrad, aber 25 km/h wirst du eben auch nur erreichen, wenn du entsprechend Kraft aufwendest. Das funktioniert sicher bis 5 km Strecke auch ohne Schweißausbrüche, aber bei meinen 20 km brauche ich im Büro trotzdem ein T-Shirt zum wechseln, wenn es draußen „Fahrradsaison“ hat.
Gerade bei über 30 Grad im Schatten schwitzt man auch ganz ohne Fahrradnutzung.

Natürlich kann man höhere Modi nutzen. Ändert aber nichts daran, dass man sich bis zu einem gewissen Grad trotzdem bewegen muss!

Technisches

Viele der mich, im Cruising-Modus befindlichen, überholenden „Bio-Biker“ rufen bei einem Pedelec immer reflexartig (wie die Autofahrer mit ihrem „Raaadweeeg!“) was von „Reichweite“ und „dauernd aufladen“.

Natürlich ist die Akku-Reichweite immer in der Hauptsache abhängig vom befahrenen Gelände und dem genutzten Modus.
In dem Pyrenäen die Bergwertung gewinnen wird natürlich eher ein Reichweiten-Problem sein, als ein Arbeitsweg in Berlin. Allerdings hat man, wenn man auf einem Pedelec sitzt, ja auch nicht vor die Olympia-Quali zu schaffen.

Bergab und über 25 km/h verbrauchst du allerdings auch keinen Strom. 😉

Mein Akku würde auch nach dreijähriger Nutzung noch für drei Arbeitswege reichen, also etwa 120 km.
Ich mache das aber nicht mehr so, weil man seinen Akku möglichst nicht tiefentladen soll, um ihn zu schonen. Der Akku landet also so rund alle 100 km in der Wohnung zum Aufladen (dauert ca. 2 Stunden, hab ich noch nie genau gemessen).
Das Rad kommt währenddessen in den Keller oder muss wenigstens vor Regen geschützt stehen, denn da ist ja nun ein „Loch“ im Rahmen.

80 km wären aus meiner Sicht bei meinem Fahrzeug auch die maximale Fahrlänge für eine Tagesleistung bei einer Radreise, ohne nachladen zu müssen.

Der Akku verbleibt in der Regel im Rad, sofern die Temperaturen nicht unter 10 Grad sinken, also auch wenn ich es irgendwo abstelle.

Da bei meinem Pedelec das Steuerteil abnehmbar ist und der Akku mit einem Schloss gesichert ist, habe ich kaum Sorge mein Rad irgendwo stehen zu lassen, sofern es eine gute Abstellmöglichkeit (mindestens Fahrradbügel) gibt. Natürlich gibt es darüber hinaus Gegenden in Berlin, in dem man als Radfahrer weiß, dass selbst die Bahnhofsmöhre geklaut würde, und ein Abstellen dort also nicht in Erwägung zieht.

Das Pedelec zum vollen Kaufpreis versichert und wird mit mindestens einem hochwertigen Schloss gesichert.

Es geht zweimal im Jahr zu Wartung in die Fahrrad-Werkstatt.
In der Hauptsache bekommt dort die Software der Steuerung ein Update und mögliche Störungen des Akkus können erkannt werden. Dazu ist es einfach gut, wenn der Fachmann einen Blick drauf wirft und größere Schäden so gar nicht erst auftreten.
Meistens werden bei der Gelegenheit gleich noch die Bremsen gemacht.

Schäden an der Motorisierung gab es nach derzeit beinahe 17000 km noch nie.

Eine Panne wurde durch einen beim Anschließen an viele Fahrradbügel beschädigten Deckel verursacht: Er dient zur Abdeckung des Steckers, mit dem man den Akku im Fahrrad aufladen könnte. Es drang Feuchtigkeit ein und das Steuergerät meldete verschiedene lustige Fehlercodes.
Nach einer Nacht im Fahrradkeller zum Trocknen und Abdichtung des defekten Deckels ist das nicht mehr aufgetreten.

Wenn das Pedelec regennass ist, scheint es manchmal so, als würde das Rad nach dem Anstecken des Steuerteils nicht „anspringen“ wollen.
Einmal die Feuchtigkeit mit der Hand von den Kontakten wischen behebt das sofort.

Fahren im Regen oder Sturm ist völlig unproblematisch.
Bitte nur nicht, wie die doofen Autofahrer bei Wasser unter einer Unterführung, den Motor in einer tiefen Pfütze baden! Logisch, oder?

Bei etwa 20000 km Fahrleistung steht eine genauere Prüfung von Ritzeln und Riemen an. Womöglich muss etwas davon auch mal erneuert werden.

Die Einkaufsfahrten mit dem Anhänger fahren sich (egal ob voll oder leer) im Modus „Tour“ am besten. Irgendwie reagiert der Motor da elastischer auf die natürlichen Ruckelbewegungen des Anhängers.

Die originale Lampe des Rades musste ersetzt werden, weil ich mich mit dem Rad gelegt habe, dabei aber, außer der Lampe, nur meinen Stolz beschädigt habe.

Das Sicherheitsgefühl ist auf dem Pedelec auf Grund seines höheren Gewichtes und den breiteren Reifen auch bei 40 km/h (AVUS bei der Sternfahrt) größer als auf seinem dürrerem, leichtgewichtigeren Bruder.

Ein größerer Bremsweg zwischen den beiden Rädern ist für mich nicht nachweisbar, denn im Endeffekt ist das leere Pedelec genau 13 kg schwerer als sein Bruder, das Gesamtgewicht von Fahrer, Gepäck und Fahrzeug also immer nur genau um dieses Differenz höher als vorher.
Im unterstützten Bereich ist der Gewichtsunterschied irrelevant.

Kosten

Eine Versicherung und regelmäßige Wartungen hatte ich auch schon für den unmotorisierten Vorgänger.
Da ist beim Wechsel zum Pedelec die neue Versicherung durch einen geringeren Preis aufgefallen, also am Ende etwas günstiger geworden.

Eingespart habe ich dafür das Jahresabo beim ÖPNV (etwa 750,00 €), abzüglich der paar (vielleicht 10 im letzten Jahr) Einzelfahrscheine, die ich dann doch mal benötige.

Erhöhte Stromkosten sind trotz zweier Pedelecs (meine Frau hat auch eins) nicht nachweisbar auf der Öko-Strom-Rechnung.

Die nächsten beiden Jahre werden vermutlich etwas teurer werden, weil man ja nun auch z.B. mal an eine Erneuerung der Reifen denken muss, aber bislang sind keine Kosten aufgetreten, die sich auf die Motorisierung an sich beziehen.


TheFan1968

Datenbank- und Web-Fuzzi, Radfahrer,Sportfan

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