Einfach ungefährdet Radfahren

Das ist jetzt kein besonders illegitimer Wunsch. Sollte man meinen.
Die StVO identifiziert mich immerhin als gleichberechtigten Verkehrsteilnehmer neben dem Auto.
Doch genau hier endet auch jede Gemeinsamkeit und die gefühlte Wirklichkeit ist eine andere.

Jahrzehnte der Autostadt

Ich fahre seit über 40 Jahren in dieser Stadt Rad und hatte in der Zeit genau 2 Unfälle mit Auto-Beteiligung, was aber dummerweise nicht für tolle, umsichtige und rücksichtsvolle Autofahrer spricht, sondern eher für mich, der gelernt hat in einem Teich voller Haie zu schwimmen.
Denn die unangenehmen Situationen, von denen man früher vielleicht mal eine in der Woche erlebte, haben sich auf n mal pro Tag erhöht (n ist eine natürliche Zahl, jawohl!).

Seit meiner Kindheit ist es total üblich für Autos immer breitere Straßen, Umgehungstraßen für Straßen, die man nicht mehr verbreitern kann, Autobahnen zur Umgehung von Umgehungsstraßen und Orten die man sonst wegsprengen müsste zu bauen. Anfangs hat man an den Rand auch ab und an mal noch einen Radweg gebaut: Zwei Gehwegplatten breit mit weißem, überstehenden Randstein.

Zwischendrin kam die EU und stellte fest, dass Radwege mindestens 1,25 m  sein müssen, sonst wären es keine. Also schraubte die schlaue Stadtverwaltung flugs die blauen Schilder von den allermeisten Radwegen ab und erklärte sie für optional. Man schlug damit gleich zwei Fliegen mit einer Klappe, denn so hielt man die EU-Regelung ein und brauchte sich auch nicht mehr um die Instandhaltung der Radwege kümmern, weil es ja keine mehr waren.
Und man kümmerte sich weiter um Autos und Parkplätze.

Der allmächtige Autofahrer


Aus dieser Politik heraus entstand nun der scheinbar allmächtige Autofahrer, der heute, in seiner unschönen , neoliberalen Ausprägung ein Egoist in einer riesigen Blechkiste ist, die schon seine ganze Persönlichkeit perfekt darstellt: Herrscher in einer eng abgegrenzten Umgebung aus der heraus man vermeintlich schwächere perfekt dissen kann und so endlich auch mal ein Quentchen von der Macht ausübt, die andere über ihr Leben haben.

Autofahrer nehmen an, dass sie das Recht haben über Busspuren zu fahren, auf Radwegen “nur mal Kurz” zu parken, den Radverkehr zu blockieren um die Autospur freizuhalten, Radfahrer aus dem Fenster heraus anzuschreien, mit dem Auto abzudrängen, in jedem Abstand zu überholen, zu hupen und zu drängeln und vor allem alle anderen darüber zu belehren, dass sie diese Rechte nicht haben.

Und sie würden damit keine Führerscheinprüfung bestehen. Auch wenn Fahrschulen in zweiter Spur parken und Radfahrer an zu engen Stellen überholen. Da lernt man das also…

Das Auto im Kopf

Das Auto ist so sehr in den Köpfen verankert, dass es zwar, wenn ich in unseren Fahrradkeller sehe, zwar offenbar noch zum Status dazugehört ein Rad zu besitzen, aber man benutzt es nur, wenn man dazu gezwungen ist.
In den Fahrradkellern der Nation verrotten Millionenwerte, während ihre Besitzer im Stau stehen und völlig von Sinnen behaupten, der Radweg am Rande führte hier zum Stau!
Jeden morgen hört man an beliebigen Arbeitsplätzen die unglaublichen Geschichten von 100 m Fußweg, weil man erst am Rande der Erdplatte einen Parkplatz gefunden habe und so weit laufen musste… es gäbe ja so wenig Parkplätze!
Fragt man sie wohin man denn hier noch einen Parkplatz bauen solle, kehrt schnell Ruhe ein. Keinesfalls aber kommen sie auf die Idee Teil des Problems zu sein.

Mit dem Auto käme man jederzeit überall hin, erzählt man mir und ich weiß immer nicht was ich darauf antworten soll, denn ich fahre mit dem Rad ja auch überall hin.
Fakt ist aber das mein Arbeitsweg jeden Tag dieselbe Zeit dauert, völlig unabhängig davon, wann ich los fahre und in welche Richtung. Ob der motorisierte Individualverkehr sich staut oder nicht, ist für meine Fahrt total unerheblich, denn ich fahre schlicht dran vorbei.
Das wurmt einige so sehr, das man schon deshalb abgedrängt und beschimpft wird und eben doch nicht besser voran kommt als ich.

Deutschland ist das Land des “aber” und hier fängt das Problem der Menschen an: Sie haben immer mehr Gründe dafür etwas, so vernünftig es auch sei, nicht zu tun, als Gründe dafür es endlich mal einfach zu machen.
Das reicht vom eigenen Schweinehund bis zur politischen Entscheidung: Lieber etwas, das nicht funktioniert erhalten, als was anders ausprobieren!

“Mit dem Fahrrad kann man doch nicht…”, ist so ein Satz bei denen sich vielen Radfahren die Zehennägel aufrollen. Ich habe kein Auto, kaufe alles mit dem Rad ein und lasse mir die Möbel liefern, anstatt sie selber mühsam ins Auto zu packen und die Treppe hoch zu schleppen. Kann ich mir mit dem Geld, welches ich nicht für ein Auto ausgeben auch locker erlauben.
Wenn ich weiter weg muss, steige ich in den Zug und komme an und bin ausgeruht.
Ich bin Berliner. Urlaubsorte ohne Verkehrsmittelanschluss sind Gefängnisse und keine Urlaubsorte. Deshalb ziehen die jungen Leute da auch meist weg.

Wir leben in einem Zeitalter, in dem der Wald einen Parkplatz braucht, weil ihn sonst keiner mehr besucht. Vielleicht wäre das auch besser so.

Die Stadt gehört allen

Und genau deshalb möchte ich,  wie so viele andere, meine Stadt genauso nutzen wie Autofahrer. Und deshalb müssen diese Platz abgeben!

Und es werden zum Glück auch immer mehr…
Derzeit ist es dann sie SPD, die kein Verständnis dafür hat, dass bessere Mobilität und größere Verkehrssicherheit auch Opfer vom Autoverkehr fordert, weshalb auch ich am letzten Donnerstag an der Spontandemo auf der Leipziger Straße teilgenommen habe.

  • Fahrraddemo Mai
    Sammeln an der Straße, Foto: Peter Wendel

Und alle, die wie ich, gerne ihre Stadt wieder zum Leben benutzen möchten sollten auch am Tag des Fahrrades einfach durch Anwesenheit und Mitfahren zeigen, dass wir die Nase voll haben von den stinkenden Blechkisten. Berlin sucht ja noch einen zusätzlichen Feiertag… wie wäre es mit dem?

TheFan1968

Datenbank- und Web-Fuzzi, Radfahrer, Eishockeyfan

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